Franz Ryznar mit Kindern

Die Kinderfreunde baten Franz Ryznar (Architekt) zum Interview

Die aufkeimende Diskussion um die Qualitäten von Schulbauten war der Anlass.....

Franz Ryznar ist Architekt und Kinderfreund. Innerhalb der Kinderfreunde engagiert er sich besonders für die Kindergruppenarbeit und im Bereich der Bildungspolitik. Die Kinderfreunde baten Franz anlässlich der aufkeimenden Diskussion um die Qualität von Schulbauten zum Interview.

Lieber Franz, als Architekt müsstest du ja froh sein, wenn jetzt verstärkt Geldmittel in den Schulbau fließen oder?

Ryznar: Natürlich bin ich froh, dass es jetzt gebündelte Programme für die Sanierung von Schulen gibt. Dieses Geld ist dringend notwendig, um längst anstehende Sanierungen, Um- und Neubauten voranzutreiben. Nicht unwesentlich ist der konjunkturbelebende Aspekt und die Chance auf eine energetische Sanierung der Schulgebäude. In den letzten Jahren waren Infrastrukturbudgets viel zu knapp, um den Bestand an Bildungsbauten in Schuss zu halten. Jetzt sind Mittel dafür reserviert – gut so, aber leider wird es für inhaltliche Veränderungen im Schulbau zu wenig sein wird. Bildung braucht mehr Engagement um den wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben gerecht werden zu können – insbesonders von denen die mehr Vermögen - haben.

Was hältst du als Gruppenleiter von der Schulreform? Angesichts der Bildungsdebatte die wir gerade erlebt haben: wenn es keine Unterrichtsreform gibt und wenig Innovationen im Unterricht - braucht es dann überhaupt andere Raumkonzepte?

Ryznar: In der Öffentlichkeit scheint die Schulreformdiskussion mit den Gesprächen zwischen dem Bildungsministerium und den Gewerkschaften um die Verlängerung der Unterrichtszeit in eine Sackgasse geraten zu sein. Das dürfen wir allerdings nicht mit einer Bildungsdebatte verwechseln. Unter der medialen Oberfläche ändern sich die Unterrichtsformen beständig. Im Volksschulbereich am Stärksten. Viele LehrerInnen sind schon auf neuen pädagogischen Wegen – ihnen sei gedankt. Viele Eltern wollen endlich Entlastung von veralteten Unterrichtsformen - Entlastung für ihre Kinder und für sich.
In weiten Teilen dieses Systems, besonders ab der Mittelstufe kommt das angeboren Bedürfnis von Menschen zu Lernen und daran zu wachsen unter die Räder. Die Kinder und Jugendlichen selbst, das kann ich aus meiner Arbeit als Falkenbetreuer sagen, erwarten dringend eine Veränderung der Lernkultur. Dienst nach Vorschrift, Gleichgültigkeit oder Verweigerung gegenüber einem abwertenden Unterrichtssystemen sind Alarmzeichen. Diese Stimmung spiegeln im übrigen auch viel Klassenzimmer wieder. Besonders Kids mit Migrationshintergrund oder aus sozialen Randsituationen bleiben in großer Zahl auf der Strecke. Mittlerweile klagt selbst die Industriellenvereinigung über die Ineffizienz unseres Bildungssystems.
Spaß am Bewältigen von Aufgaben kennen wir Kinderfreunde aus der Gruppenarbeit und Camps. In der Regelschule ist das leider viel zu selten anzutreffen. Im Sinne aller Beteiligten und unserer Zukunft müssen wir neue Lernkulturen zulassen und fördern. Wir brauchen Schulen die begeistern, LehrerInnen die fördern statt zu über- oder unterfordern. Wir brauchen Schulen die allen Beteiligten Spaß machen.

Was bedeutet das für die Schularchitektur? Hat das Klassenzimmer ausgedient?

Ryznar: Der Klassenverband als dominantes, meist einziges Organisationsprinzip hat meines Erachtens ausgedient. Er entspringt der hierarchischen Organisationsstruktur des theresianischen Schulsystems von vor 200 Jahren. Militärische Strukturen waren dafür Modell. Seit einigen Jahrzehnten wissen wir aus den innovativen Lernformen von Managerseminaren, dass Einzel- und Kleingruppenarbeit, miteinander und von einander Lernen viel wirksamer ist als lehrerInnenzentrierte Frontalmethoden.
Auch in unserer Gruppenarbeit sehen wir das sich Gruppen mit 12 Personen gut organisieren können und in Kleingruppen von 3 - 6 Personen Aufgaben am Bestens gelöst werden. Gerade die Klassengröße von 25 - 30 Personen ist die am wenigsten geeignete Größe für gemeinsames Tun. Aber sie ist noch immer der soziale Grundraster im Schulbau. Aus dieser Sicht hat das rechteckige Normklassenzimmer zumindest als hauptsächliches Raumangebot ausgedient.
Gleiches gilt für die immer noch vorherrschende Bauform der Gangschule. Daran können auch moderne Fassaden und raffiniertes Design nichts ändern. Neubauten erfolgen nach anonymen Architekturwettbewerben auf Basis überholter Raumprogramme.
Nebenher: Architekten wenden dafür pro Wettbewerbsbeitrag 10 - 30.000 € aus eigener Tasche auf und überfordern sich dabei wirtschaftlich. Ich hielte es für besser, wenn Planer diese Energie in einem Dialog mit den Benutzern ihrer Architektur stecken würden. Doch der findet derzeit kaum statt.
Was steht an: für neue Unterrichtformen braucht es Lernlandschaften mit differenzierten Raumangeboten. Es braucht den Mut für neue Planungs- und Entscheidungsprozesse. Es braucht die Beteiligung der Betroffenen und das Vertrauen, das sie selbst am Besten wissen wie und wo sie guten Unterricht gestalten. Für die Planung der passenden Architektur braucht es Menschen die den Veränderungsprozess begleiten, ArchitektInnen die den Nutzern zuhören und auch die Zeit dafür bekommen.

90 % der Schulen stehen schon, es werden nur wenige Schulen neu gebaut. Wo ist anzusetzen, um bei den Sanierungen und Umbauten auch pädagogisch voranzukommen?

Ryznar: Der Schulneubau gibt uns die Möglichkeit neue Bau- und Raumformen auf dem Weg zu Lernlandschaften auszuloten. Aber natürlich müssen wir große Aufmerksamkeit auf die Schulsanierung legen. Viele Bauten der bildungsinnovativen 1970-er Jahre stehen zu Generalsanierung an. Gleiches gilt für die „Schulkasernen“ der 1900-er Jahre.
Soweit ich bisher vernommen habe betreffen die beschlossenen Sanierungsprogramme
nur die Erhaltung des Bestandes vor. Das greift viel zu kurz! Wenn wir diese Programme nicht für Strukturveränderungen im Sinne neuer Lernkulturen nutzen, betonieren wir die Schulformen der Vergangenheit ein. Jede Schule, die im alten Stil saniert wird, behindert auch in den nächsten 30 Jahren neue Lernformen. Das Schlagwort vom Raum als dritten Pädagogen steht für die notwendige Veränderung. An den bisher wenigen guten Beispielen neuner Schularchitektur sollten wir uns auch bei Sanierungen orientieren.

Was tut sich in Österreich um diese Diskussion in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen?

Ryznar: Die Diskussion um eine veränderte Schularchitektur läuft! Einen wichtigen Beitrag haben die Kinderfreunde im letzen Herbst gemeinsam mit Bildung Grenzenlos und Architekturzentrum Wien in der Enquete „Schulbau-Baustelle Schule“ geleistet.
Anfang Juni hat sich eine hochkarätige Runde aus Pädagoginnen, Schulbauverwaltern und ArchitektInnen unter dem Titel „SchulUMbau“ getroffen. Thema waren Strategien für eine Ausweitung der Diskussion. Es freut mich die Kinderfreund in dieser Runde zu vertreten. Der SchulUMbau im doppelten Sinn braucht das Engagement der Kinderfreunde

Danke für das Interview!

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